Anfang des Jahres habe ich von einem neuen Rennen ganz in der Nähe erfahren, welches auch noch eine gewohnte Länge hat. Der Ultratrail Fränkische Schweiz, oder wie man hier sagt: Uldradrail Fängische Schweids. 65 km mit 2500 Höhenmetern, inklusive 1500 Stufen im ständigen Auf und Ab.

Voller Vorfreude navigierte ich auf die Website, um die Anmeldung abzusetzen, doch dann Ernüchterung, denn das Rennen war bereits ausgebucht. Ich war etwas enttäuscht, aber sicher nicht überrascht. Bei diesem schönen Konzept springen natürlich allerlei Leute an.
So verschwand der Lauf wieder aus meinem Kopf, bis mich Simon fragte, ob ich mit am Community Run des UTFS teilnehmen wolle: ein Streckencheck Mitte März, zusammen mit den Veranstaltern, über zwei Tage hinweg. Wir nahmen also am ersten Tag teil und liefen zu circa zwanzigst 30 km bei sonnigem Wetter auf der offiziellen Strecke. Die Gespräche mit den Anderen beinhalten meistens Sätze wie „Nimmst du dann auch im April am Rennen teil?“, „Nein, aber ich stehe auf der Warteliste”, oder „Hoffnung hab ich aber nicht, die Liste ist bestimmt sehr lang“.


Der Community Run gefiel mir so gut, dass ich nun doch mein Glück versuchte und mich in die Warteliste eintrug. Wenige Wochen später flatterte dann zu meiner Überraschung tatsächlich eine Mail ins Postfach, dass wieder Plätze frei geworden waren. First come, first serve war das Motto. Leider habe ich die Mail erst zwei Stunden nach Eingang gelesen und die Plätze fanden derweil bereits Abnehmer. Inzwischen war wirklich alle Hoffnung dahin. Nur zwei Stunden habe ich die Mail nicht bemerkt. Wo ist denn die Handysucht, wenn man sie mal braucht?
Doch nur eine Woche später, als ich gerade am Smartphone dillerte, poppte eine Gmail-Benachrichtigung auf: „UTFS 2022: 5 Startplätze verfügbar.“

Es vergingen nur wenige Sekunden, auch Dank Auto-Fill des Browsers, und hatte ich meine Startnummer für den UTFS 2022 und war überglücklich. Sicherlich entstanden die freigewordenen Plätze auch durch Corona-Erkrankungen und ich hoffe allen Betroffenen, deren Plätze beerbt wurden, geht es gut.

Raceday

Am 24. April war es dann also so weit und um 4 Uhr früh starte ich die Fahrt Richtung Ebermannstadt. Im noch fast menschenleeren Renn-Hotel holte ich den Starterbeutel ab, bereitete noch mal meine Ausrüstung vor und genoss die Ruhe in der Morgendämmerung. Nach und nach trudelten dann auch die anderen ca. 130 Läufer ein und es wurde zunehmend voller. Beim Herumschlendern auf dem historischen Marktplatz traf ich Andreas, den ich ein Jahr schon nicht mehr gesehen habe. Wir beschlossen gemeinsam zu starten und es ruhig angehen zu lassen.

Nach dem obligatorischen Briefing ging es dann für alle geschlossen raus in den Startkanal und zum Auflockern der Stimmung bekamen wir den offiziellen Song zum UTFS live musiziert. Dieses Lied hat ganz klar Ohrwurm-Potential. Kurz nachdem die letzten Töne verklungen waren, fiel der Startschuss, den die Teilnehmer ganz Ultra-typisch nur sehr zögerlich zur Kenntnis nahmen.

 

Die ersten vier Kilometer ging es erst mal etwas durch Ebermannstadt hindurch und dann auf einem Fahrradweg Richtung Trails und dem ersten knackigen Anstieg. Es ging vorbei an der Burgruine Neideck und Neideckgrotte hin zum ersten VP. Das freundliche Team hinter dem Tresen bot uns an unsere leeren Flaschen aufzufüllen, während wir uns an den Melonen, Bananen usw. gütlich zeigten. Dem Hauptsponsor des Laufs sei Dank gab es auch Butterbrote mit Meerrettich. Bis hierhin und noch ein etwas weiter lief ich mit Andreas und wir tauschten uns über unsere Erlebnisse seit dem letzten Aufeinandertreffen aus. Doch auch wenn es sicher noch viel zu erzählen gab, trennten sich irgendwann unsere Wege und jeder lief für sich.


Ich beschleunigte etwas und machte über die nächsten zwei Stunden einige Plätze gut. In Vorbereitung auf mein A-Rennen diesen Sommer wollte ich beim UTFS das Thema Rennernährung etwas ambitionierter angehen. Dazu gehörten circa ein Gel pro Stunde, ein flotteres Vorgehen an den Verpflegungspunkten, sowie nur die Aufnahme von erprobter Nahrung. Ein Meerrettichbrot mal ausgenommen – lustige Einfälle müssen ja schließlich belohnt werden 😉. Schon beim Erblicken eines VPs leerte ich noch schnell die Reste in den Flaschen, um sie gleich den immer ambitionierten Helfern zum Wiederauffüllen zu geben, während ich mich am “Buffet” bediente. Mal Obst, mal Kartoffeln – je nachdem, was der Körper gerade verlangte.

Neue Bekanntschaften

Nach der dritten Verpflegung pendelte sich das Feld so ein, dass man immer dieselben Leute sah. Obwohl ich mich in der Fränkischen Schweiz einigermaßen gut auskenne, begann ein für mich gänzlich unbekannter Streckenabschnitt. Entlang des Fahrradwegs ging es östlich nach Gößweinstein, vorbei an der Burg, hinunter in den Ort, nur um dann nach einer größeren Schleife im Wald wieder dorthin zurückzukehren. Von da an verlief die Strecke über Waldwege ohne großartige Höhenwechsel strikt nach Norden. Als mich das nächste touristische Highlight, die Burg Rabeneck, nach 37 km begrüßte, beschloss ich die Kopfhörer auszupacken. Die Beine wurden langsam schwer und konnte etwas mentalen Support gebrauchen und so pushten mich ein paar Kraftklub-Lieder entlang der Trails und auf den teilweise nicht enden wollenden Treppenstufen im Wald. 

Kurz nach dem Aktivieren meines akustischen Hilfsmittels gesellte sich dann Marcus aus Leipzig zu mir. Wir hatten ungefähr das gleiche Tempo und auch bei ihm machten sich die Beine bereits etwas bemerkbar. Durch viele interessante Gesprächsthemen über die kommenden Stunden lenkten wir einander von den einsetzenden Wehwehchen und der schwindenden Kraft ab. Gemeinsam spulten wir Kilometer für Kilometer, erklommen die Anstiege (mitunter fast 200 Höhenmeter am Stück) und rannten sie auf der anderen Seite wieder herunter. Ich bin mir sicher, dass ich ohne das gemeinsame Laufen mit Marcus schon lange das Tempo gedrosselt hätte, viele noch laufbare Passagen bereits gegangen wäre und mich viel mehr auf die nervigen Muskelzwickerchen konzentriert hätte.

Als wir uns Muggendorf näherten und ich mich wieder besser auskannte, konnte ich für den “Fränkische Schweiz Neuling” etwas als Touristenführer glänzen. Spätestens bei der Durchquerung der Oswaldhöhle war dieses Insiderwissen sicher hilfreich, denn hier ist es wirklich wichtig den Kopf unten zu lassen und erst ganz am Ende wieder hochzunehmen. Glücklicherweise kamen wir ohne Kopfverletzung hindurch. Gelegentlich passierten wir Wanderer, wovon es dank dem bewölkten Wetter wohl nicht so viele gab. Ab Streitberg eröffnete sich der Blick auf die volle Pracht der Burgruine Neideck, die wir zu Beginn des Rennens nur ohne Sichtkontakt passierten. Und als wäre das noch nicht genug, kam auch noch die Sonne etwas heraus – das Wetter war um Welten besser, als ich es mir anhand der Vorhersage vorgestellt hatte.


Wie bei jedem Rennen werden die letzten Kilometer schwerer und die Ermüdung weist ein exponentielles Wachstum auf (Ok, vielleicht nicht ganz so schlimm), was dazu führte, dass wir erneute Anstiege mit leicht abfälligen Kommentaren quittierten und die verbleibenden Höhenmeter und Kilometer unserer Uhren abglichen. Doch ungeachtet der schwindenden Kräfte hatten Marcus und ich öfter das Thema “unter 8 Stunden gesprochen”, sodass sich diese Zahl auch als Ziel im Kopf manifestierte. Doch mit fortschreitendem Rennen verabschiedete ich mich mehr und mehr von diesem Ziel. Einerseits schwanden die Kräfte in den Beinen, andererseits wuchs die vorhergesagte Ankunftszeit auf meiner Uhr bereits seit einiger Zeit an und war schon auf 15:09 Uhr (also 8 Stunden und 9 Minuten). 

Das Ziel in Sicht

Nach dem letzten Anstieg, bevor uns ein finaler Downhill und vier Asphaltkilometer ins Ziel nach Ebermannstadt führten, gab ich Marcus zu verstehen, dass es für mich OK ist wenn er nun Gas gibt und mich “stehen lässt”. Schließlich war er noch energetischer als ich und hatte das Zeug für Sub-8. Dieses Angebot nahm er gerne an und zog von dannen. Als ich ihn so sah, wie er den Downhill hinunter schmetterte, packte mich auch der Ehrgeiz und ich zog das Tempo an. Auch wenn die Hoffnung gering war, hätte ich mich später geärgert es nicht versucht zu haben. 

Unten im Tal im Ort Gasseldorf angekommen ging es fortan auf den Fahrradweg Richtung Ziel und so holte ich nochmal alles raus, was in den Beinen übrig war. Zwischenzeitlich stand auf der Uhr mal die Pace, die ich sonst bei einem 10 km Lauf hätte. Ich passierte die drittplatzierte Dame und ermutigte sie im Vorbeirennen auch noch mal gaszugeben – Sub-8 winkten schließlich. 

Die Meter auf dem Asphalt flogen und die Ankunftszeit auf der Uhr verringerte sich Minute um Minute. Der Markt von Ebermannstadt kam immer näher und aus den Lautsprechern hörte ich, dass mich der Streckensprecher bereits erspähte und meine Zielankunft ankündigte. Das Orgateam gratulieren recht herzlich und überreichten mir eine wunderschöne, originelle und 2,3 kg schwere Finisher-Trophäe. Ein original handverlesener Stein aus der Region, zu einem wunderschönen Pokal aufgearbeitet. 

Als sonderlich angenehm würde ich die letzten 20 Minuten des Rennens zwar nicht bezeichnen, aber sie haben sich gelohnt, denn am Ende stand auf der Uhr 07:56:23. Die Besonderheit einer vollen Stunde kann man wohl nicht rational erklären, aber ich freue mich dennoch darunter geblieben zu sein und dass es eine 07:xx anstatt 08:xx wurde. Nach etwas Verschnaufen, Kuchen und einer Käsestange (die sich als Stange mit Meerrettich entpuppte) stießen Marcus, Juliane (die drittplatzierte Dame) und ich glücklich und zufrieden auf den mehr als gelungenen ersten Ultratrail Fränkische Schweiz an.

Etwas später lieferte Andreas auch noch ein starkes Finish, was den Tag nun für alle vollends gelungen machte.

Fazit

Ein großes Lob geht an die Veranstalter, deren erstes Rennen der UTFS war. An der Organisation auf und neben der Strecke gibt es nichts zu beanstanden. Der Weg war immer sehr gut ersichtlich, die Verpflegungsstationen gut bestückt (mit Nahrung in freundlichen Helfern) und das Event auf dem Markt herrschte eine gute Stimmung. Und natürlich darf hier das Lob für die Streckenauswahl nicht fehlen. Die Wege boten einen guten Mix aus gut laufbaren Trails, technischen Stücken, touristischen Highlights sowie Passagen durch die schönen Ortschaften der “Fränkischen”.

Ich hoffe, ihr etabliert dieses Event in Ebermannstadt und ladet recht bald für den UTFS 2023 ein.

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