Die stärkste Erinnerung meiner Alpenüberquerung im Jahr 2021 ist die Open-Air-Übernachtung in einer alten Kriegsstellung in der Lombardei. Die anderen Draußen-Übernachtungen dieser Tour waren allesamt auf Campingplätzen im Zelt, daher sticht das beschriebene Biwak so sehr aus der Masse heraus. Tatsächlich hat dieses Erlebnis sogar an meinem Konzept von “Freiheit in den Bergen” gerüttelt, denn plötzlich empfand ich, abhängig von Berghütten zu sein, beengender als je zuvor. Um dieses neue Gefühl auf die Probe zu stellen, suchte ich mir im September bewaffnet mit Biwaksack und Baumarktplane einen Fernwanderweg in einem der schönsten Gebirge der Welt heraus. 

Den Alta Via Dolomiti 4

 

Es ist Ende August.
Die lange Autofahrt endet am Vortag der Tour in Bruneck, wo ich das Messner Mountain Museum besichtige und noch einmal die Ausrüstung checke. Schließlich habe ich drei oder vier hochalpine Übernachtungen unter freiem Himmel vor mir. Hierfür habe ich Biwaksack, Isomatte, Daunenschlafsack und eine zum Tarp zweckentfremdete Baumarktplane dabei. Auf das Kameraequipment – abgesehen vom Smartphonestativ – verzichte ich dieses Mal von Anfang an. Schließlich beinhaltet mein geplanter Weg Klettersteigabschnitte, die wiederum schwere Ausrüstung erfordern. Ein bisschen Essen ist auch dabei, jedoch ist mein Plan die meisten Kalorien tagsüber beim Vorbeigehen auf Hütten zu mir zu nehmen. Diese Vorgehen lindert auch mein schlechtes Gewissen, welches ich durch die Nichtbenutzung der Hüttenschlafplätze habe.

Endlich wieder die Drei Zinnen

Der Wetterbericht für die nächsten Tage sieht OK aus und ich drücke auf dem Parkplatz in Innichen START auf der GPS-Uhr. Die ersten Schritte führen mich gen Süden auf eine Reise von 92 Kilometern, 4500 Höhenmetern, mehreren Klettersteigen und ein paar Nächten in der Natur, bis zum Zielort Pieve di Caldore.

Der Vorteil nicht auf Hütten angewiesen zu sein ist, dass man ohne große Planung einfach loslaufen kann und erst damit aufhört, wenn es dunkel wird oder man keine Lust mehr hat. Folglich habe ich mir auch kaum Gedanken über Etappen gemacht, jedoch möchte ich heute gerne irgendwo unterhalb der legendären Drei Zinne übernachten und dort noch einen geschichtsträchtigen Klettersteig begehen, der eigentlich nicht zum Via Dolomiti gehört. Mit strammen Schritt starte ich die erste Etappe, vorbei an der Dreischusterhütte, über eine lange Ebene bis zum steilen Anstieg hinauf zu den Drei Zinnen. Dieser bremst mich aus und erinnert mich, dass ein 15 kg Rucksack keine Laufveste ist. Nach ersten markanten Dolomitengipfeln tauchen irgendwann die Dreizinnenhütte auf, sowie die Bergformation, von der sie ihren Namen hat. Einmal war ich bereits hier, jedoch ist dieser Anblick wohl jedes Mal auf Neue ein kleines bisschen überwältigend.

An der Hütte herrscht reges Treiben und als ich die Essenbeschaffungslogistik verstehe, setzte ich eine Bestellung ab, die für zwei Leute reichen würde. Als die Teller leer sind verlasse ich schnell die Menschenmengen (wo kommen die eigentlich her und warum sehen die nicht sonderlich bergtauglich aus?) und steuere den nahegelegene Paternkofelklettersteig an. Ein strategisch wichtiger Steig/Gipfel, der im Ersten Weltkrieg eine (von vielen) tragische Geschichte erzeugte. Das Stollensystem führt mich lange über steile Stufen nach oben und die Dunkelheit wird nur selten durch Schießscharten von Tageslicht aufgehellt. 

Nach einem technisch leichten Klettersteig kann ich die Pause am Gipfel mit Gesprächen mit den anderen Kraxlern und bestem Blick auf die Drei Zinnen genießen. Als ich wieder unten bin, ist es bereits später Nachmittag und ich mache mich langsam auf die Suche nach einem schönen Schlafplatz. Eben, fernab des Wegs, außer Sicht der Hütten und mit Blick auf die Drei Zinnen soll er sein. Nach etwas Suche finde ich ein paar Optionen und entscheide mich für ein davon. Der Aufbau meines Schlafgemachs funktioniert reibungslos und so kann ich in der blauen Stunde mein Abendessen auf dem Kocher zubereiten und den Abend mit einem Buch und einer Tasse Kakao ausklingen lassen.

Kriegspfade im Nebel und mein eigener Sandstrand

Trotz einer kühlen Nacht (um die 0 Grad) schlafe ich gut und wache zur Dämmerung von ganz alleine auf. Während ich verträumt auf einem Stein sitze, werden die umliegenden Gipfel in das Orange des Sonnenaufgangs getaucht, was mich nur glücklich und ein bisschen ungläubig hin und her schauen lässt.

Nach dem Verstauen der Ausrüstung hinterlasse ich nur etwas plattgedrücktes Gras und gehe weiter auf dem Dolomiten Höhenweg. Ein komisches Gefühl ist das schon, einfach loszulaufen und nicht zu wissen, wann und wo der Tag endet. Habe ich gestern noch eine grobe Idee gehabt, bin ich heute völlig ergebnisoffen und versuche einfach viel Strecke zu machen. Als ich um die Drei Zinnen herumwandere, erkenne ich den Grund für die gestrigen Menschenmassen: Hier führt eine Straße bis hoch und bietet jede Menge Parkplätze. Diese überquere ich und betrete den morgendlichen Nebel, der die Landschaft und meinen Weg verhüllt. Ein bisschen unheimlich ist das schon, denn die Wege sind meist nur schmal in eine Bergflanke hineingesprengt und zur abschüssigen Seite ist alles vernebelt. Da könnte es 10 Meter oder 1000 Meter heruntergehen. 

Gegen Vormittag lichtet sich der Nebel und ein steiles Kar führt mich zum Rifugio Fonda Savio, welches ich für eine kleine Stärkung und zum Anlegen des Klettersteigsets nutze, denn gleich geht es über die Ferrata Merlone auf 2790 m. Der Steig ist zwar technisch nicht schwierig, jedoch hat er keine gesonderte Abstiegsroute, was mich im Weg nach unten oft zum Warten auf den Gegenverkehr zwingt. Für eine schöne Aussicht und Gipfelgespräche mit interessanten Leuten war es den Abstecher vom eigentlichen Wanderweg aber allemal wert.  

Ein weiteres, kleineres Kar muss ich noch überwinden, bevor ich das Rifugio Citta di Carpi gegen 14 Uhr erreiche und mir den Bauch vollschlage. Die neue Kraft wird von Nutzen sein, denn nun geht es mehrere hundert Höhenmeter hinab ins Tal und auf der anderen Seite natürlich wieder nach oben. Ich behalte die Uhrzeit und den Wetterbericht im Auge und überlege mir, dass ich vielleicht noch die Ferrata Vandelli schaffe, jedoch wird das eine knappe Nummer – sowohl was Tageslicht, als auch den nahenden Regen betrifft. Doch bevor es so weit kommt, mache ich am Rifugio Vandelli eine Pause, trinke Radler und Cola und rauen Mengen und nehme einem anderen Wildcamper die Angst, nachts von einem Bären gefressen zu werden. 

Um nicht in Zeitnot zu kommen hetzt ich die 200 Höhenmeter von Rifugio zum Klettersteigeinstieg hinauf, aber ändere schlagartig meinen Plan, als ich die Landschaft dort oben erblicke. Eine weite Ebene, durchzogen von glatt geschliffenen Gesteinsbändern und in Mitten darin ein “Sandstrand”, durch den ein kleiner Bach fließt. Ich springe von Band zu Band um einen wenig einsehbaren Platz zu finden (als ob da heute noch jemand vorbeikommen würde…) und baue den Tarp auf dem Sand zwischen zwei großen Felsbrocken auf. Eine gute Entscheidung, denn den Klettersteig noch zu machen wäre unnötig anstrengend und heikel gewesen, da ich bestimmt noch in die Dämmerung gekommen wäre. Ohne zu wissen, ob es dort auf der anderen Seite gleich einen guten Schlafplatz gibt. In absoluter Totenstille vollführe ich dasselbe Abendritual wie gestern und lasse beim Lesen des Buchs die Blicke hin und wieder in den klaren Sternenhimmel schweifen. Obwohl es diese Nacht noch ein paar Grad kälter ist, verzichte ich auf den Biwaksack und liege einfach nur im Schlafsack unter dem Tarp, was wegen der klaren Nacht gar kein Problem ist. 

Die Feuertaufe Sturmtaufe

Zwar herrscht am Morgen noch immer diese herrliche Ruhe, jedoch renne ich wie ein aufgeschrecktes Huhn über die Felsformationen, da sich im Tal ein gigantischer Sonnenaufgang anbahnt, den ich per Smartphone möglichst gut fotografisch bannen möchte. Der Aufwand lohnt sich und ich bin mir sicher, dass ein paar gute Bilder entstanden sind. Der Frühstückskaffee ist schnell getrunken und schon kurz darauf stehe ich in voller Klettersteigmontur am Einstieg der Ferrata Vandelli, welche ich ohne Probleme meistere. Jedoch merke ich, wie sich der Steig zieht und wie lange es dauert, bis ich wieder auf normalen Untergrund bin. Das Lager gestern da aufzuschlagen, wo ich es getan habe, war also die goldrichtige Entscheidung. 

Die nächsten Stunden verläuft der Weg südseitig immer im Auf- und Ab auf anspruchsvollen Pfaden, wodurch ich nur langsam voran komme, Energie verbrenne und mangels Wasserstellen nahe dem Austrocknen bin. Erst ein kleines Rinnsal an einer Felswand, sowie ein aufziehender Regenschauer lindern die Situation ab. Ich komme kraft- und lustlos am Rifugio San Marco an und bestelle wieder zwei Hauptgerichte und Nachtisch, ganz als ob es das normalste der Welt wäre. Außerdem kaufe ich noch einige der Ritter Sport Schokoladentafeln auf und verlasse die Hütte mit 50 Euro weniger im Geldbeutel, aber dafür mit vollem Energielevel und Motivation. 

Eine gute Stunde später gelange ich über unschwierige Wege zum Rifugio Pietro Galassi und kehre erst mal ein, um mich vor dem einsetzenden Regenschauer zu schützen. In der Hütte, die mit lauten italienischen Jugendgruppen überfüllt ist, sitze ich an einem Tisch und nutzte die Gelegenheit, mal wieder Handyempfang zu haben. Leider ist der Regen erst der Anfang und bis mindestens Mitternacht wird es nicht besser. Ich frage den Hüttenwirt, ob er noch einen Schlafplatz frei hat, was er mir aber verneint. Damit habe ich nicht gerechnet und so muss ich begreifen, dass ich nun eine Nacht im Notbiwak vor mir habe. Aus dem Wunsch, für das ultimative Freiheitsgefühl draußen zu schlafen, wird nun eine ernste Angelegenheit und ich gehe gleich auf die Suche nach einem geeigneten Platz. Zwischen Latschenbäumen unweit von der Hütte finde ich eine Stelle und baue das Lager auf. Dem ordentlichen Abspannen des Tarps widme ich dieses Mal extra viel Zeit. Der Regen lässt etwas nach, was es mir ermöglicht, in Ruhe zu Abend zu essen, jedoch wird die Nacht fast so wie im Bericht angekündigt. “Fast” deshalb, weil es zusätzlich noch einen waschechten Sturm samt Gewitter gibt. Der näheste Donner ist drei Sekunden entfernt, jedoch liege ich die halbe Nacht hellwach mit halb angezogener Regenjacke im Biwaksack, höre kritisch dem lauten Flattern der Baumarktplane zu, schmiede schon einen Notfallfluchtplan und drücke einfach nur die Daumen, dass alles hält.

Antelao

Als ich morgens aufwache ist alles still und friedlich und bin überglücklich, dass alles gehalten hat und ich unbeschadet noch guten Schlaf gefunden habe. Als ich aus meinem Lager schlüpfe, sehe ich, dass mir die Natur einen schönen Sonnenaufgang als Geburtstagsgeschenk bereitet.

Ich packe schnell alles zusammen und mache mich auf den Weg, denn nun wartet das große Highlight der Tour: Über die Ferrata del Ghiacciaio Antelao hoch zum Antelao Gletscher. Direkt steil nach oben geht es durch Latschen, über Geröll, dann erst über Bänder und schließlich auf immer steiler werdenden Platten. Letztere sind irgendwann durch eine tiefe Scharte durchzogen, in der Trittstifte und ein Drahtseil angebracht sind. Als mir die Sache irgendwann ungeheuer wird, schaue ich auf’s Handy und sehe, dass ich schon längst im Klettersteig bin. Ich suche einen einigermaßen sicheren Stand, lege Helm und Gurt an, folge dem kompromisslos stur nach oben führenden Klettersteig bis zu seinem Ende und erfreue mich über den Ausblick auf den Gletscher (2550 m). 

Durch Geröll steige ich zu den beiden Schmelzwasserseen des Gletschers ab und koche meinen letzten Kaffee. Mit Wasser, welches noch kurz davor für tausende Jahre diesen Gletscher bildete. Ab jetzt geht es nur noch bergab und bis auf eine heikle Stelle komme ich gut voran bis zum Rifugio Anetlao. Hier lasse ich nochmal einige Euro und trete die letzten Kilometer über Forststraßen hinunter nach Pieve di Caldore an. Um meinem mangelhaften Italienisch aus dem Weg zu gehen, checke ich über booking.com in ein Hotel ein und genieße den restlichen Tag mit reichlich Essen und Rotwein zur Feier des (Geburts)tages.

Fazit

Als ich am nächsten Tag nach der Bus- und Zugfahrt wieder in Innichen am Auto ankomme, ist also ein weiteres unbeschadetes Abenteuer “in the books”. Doch dieses Mal war es anders als sonst, da ich Neues gewagt und mich bewusst aus der Komfortzone herausbewegt habe. Ich war auf der Suche nach Leichtigkeit und mehr Freiheit beim Wandern und habe beides gefunden (also Leichtigkeit im mentalen Sinne – denn der Rucksack war echt schwer 😉).

Ich konnte die Vorzüge der Hütteninfrastruktur nutzen indem ich dort ausgiebig zu Mittag gegessen habe und bin gleichzeitig deren Nachteilen entgangen:

  • Planungs- und reservierungsstress vorab,
  • jeden Abend mit Kommunikation auf “Hände und Füße”-Basis neu einchecken
  • und Einschränkung durch fixe Etappenlängen.

Ob ich meine Touren jetzt jedes Mal so mache, kann ich klar verneinen, jedoch wird das Biwakieren in zukünftigen Abenteuern sicherlich zur Anwendung kommen. Denn auf dieser Wanderung habe ich sowohl die schönen, als auch ernsten und gefährlichen Seiten des Draußenschlafens im Gebirge kennengelernt – gerade über Letzteres bin ich nun sehr dankbar, da es auch die Schattenseiten bedarf um sich ein Gesamtbild von etwas zu machen.